1935 Caracciola schlägt erstmals zu

Adriano Cimarosti

Die zweite Auflage des Grossen Preises der Schweiz für Automobile auf der Bremgarten-Rundstrecke wurde auf den 25. August 1935 angesetzt. Es handelte sich zugleich um das zweite Jahr der 750 kg-Formel, die weiterhin im Zeichen der deutschen Marken Mercedes-Benz und Auto Union stand. Vor dem Rennen bei Bern hatte Rudolf Caracciola mit dem Mercedes-Benz W25, dessen Hubraum von 3360 cm3 auf 3990 cm3 (430 PS) erhöht worden war, bereits das Eifelrennen auf dem Nürburgring, den Grand Prix des ACF in Montlhéry bei Paris und denjenigen von Belgien in Spa gewonnen. In Monaco war sein Teamkollege Luigi Fagioli auf den ersten Platz gefahren. Eine Sensation lieferte Tazio Nuvolari auf dem mittlerweile in die Jahre gekommenen Alfa Romeo P3 mit 3167 cm3-Motor (265 PS) der Scuderia Ferrari, als er auf dem Nürburgring die deutsche Phalanx schlug und einen historischen Sieg herausfuhr. Bei Alfa Romeo stand das neue Modell 8C-1935 in Vorbereitung. Bei der Coppa Acerbo in Pescara gab es einen Auto Union-Doppelsieg mit Achille Varzi vor Bernd Rosemeyer. Der V16-Mittelmotor ist 1935 auf 4950 cm3 (380 PS) ausgebohrt worden. Für den Grand Prix der Schweiz meldete Mercedes-Benz Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch, Luigi Fagioli sowie den Nachwuchsmann Hermann Lang, der noch im Jahr zuvor an Fagiolis Wagen als Mechaniker gearbeitet hatte. Auto Union trat mit Hans Stuck, Achille Varzi und dem jungen aufstrebenden Talent Bernd Rosemeyer an, wobei Rosemeyer 1934 beim Klausenrennen noch mit einer DKW 500 um den Sieg gekämpft hatte. Mit den Maserati 6C 34 mit 3,7-Liter-Motor waren Philippe Etancelin und Giuseppe Farina gemeldet, hinzu kamen die älteren 8CM von Brian Lewis und Laszlo Hartmann. Die Scuderia Ferrari meldete die Alfa Romeo P3 von Tazio Nuvolari, Louis Chiron und René Dreyfus. Lord Howe fuhr den Bugatti T59. Insgesamt waren 23 Konkurrenten gemeldet, 18 gingen an den Start. Das Rennen war eine einzige Triumphfahrt Rudolf Caracciolas, der von der ersten bis in die 70. und letzte Runde das Feld anführte. Nach zwölf Runden setzte der Regen ein, so dass auf Regenreifen umgestellt werden musste, was an Caracciolas Wagen 45 Sekunden in Anspruch nahm. Hans Stuck sah sich mit Bremsproblemen konfrontiert und übergab seinen Auto Union dem Nachwuchsmann Paul Pietsch, was beim Publikum nicht sehr gut ankam. Caracciola tankte beim zweiten Boxenstopp in 55 Sekunden. Er siegte nach 509,6 km oder 3 h 31’12,2“. Auf die volle Rundenzahl kamen nur noch Fagioli und Rosemeyer. In vierter Position folgte Varzi vor Nuvolari und Lang. Chiron und von Brauchitsch kamen nicht ins Ziel.

Bild: Collection A. Cimarosti

Grosser Preis der Schweiz / Bern 1935

Der Mercedes des führenden Caracciola wird während des Rennens aufgetankt. Rechts Rennleiter Alfred Neubauer

Wieder Seaman im „Preis von Bern“

Beim Rennen der 1,5-Liter-Voiturettes, das erstmals den Titel „Preis von Bern“ trug, standen sich als Favoriten die ERA mit Richard Seaman, dem Sieger aus dem Vorjahr (damals auf MG K3), Raymond Mays, Prinz Hermann zu Leiningen, Prinz „Bira“ sowie die verschiedenen Maserati 4CM 1500 gegenüber, dazu kamen einige Bugatti T51, MG K3 sowie der von der Engländerin Gwenda Stewart gefahrene Derby mit Maserati-Motor und Frontantrieb. Insgesamt waren 22 Konkurrenten gemeldet, 19 gingen an den Start. Während den 20 Runden hielt Richard Seaman mit seinem ERA die Führung inne, hinter ihm kämpften „Bira“, Howe sowie die Maserati-Fahrer Tufanelli und Ghersi um die nächsten Plätze. Am Schluss des Feldes tummelte sich die einzige Dame, Gwende Stewart mit ihrem Derby-Maserati. Richard Seaman siegte nach 145,6 km in 1 h 05’21,0“ = 133,664 km/h, gefolgt von „Bira“ auf ERA, Earl Howe auf Delage sowie den Maserati-Fahrern Beppe Tufanelli, Pietro Ghersi und dem Schweizer Hans Rüesch, ebenfalls auf Maserati.

Bild: Collection A. Cimarosti

Grosser Preis der Schweiz / Bern 1935

Der Engländer Richard Seaman gewinnt in Bern erneut das Rennen der Voiturettes. Diesmal auf einem ERA

Bild: Collection A. Cimarosti

Grosser Preis der Schweiz / Bern 1935

Beim „Preis von Bern“ fährt auch die englische Rekordfahrerin Gwenda Stewart mit ihrem eigenwilligen Derby mit Maserati-Motor und Frontantrieb mit


Erstmals wurde auch das nationale Rennen für Sport- und Rennwagen um den „Preis vom Bremgarten“ über 14 Runden oder 101,92 km ausgetragen. Bei den Rennwagen über 1500 cm3 siegte Max Christen auf seinem Maserati 26B mit 1980-cm3-Motor, bei den Rennwagen bis 1500 cm3 belegte Guido Avondet auf Bugatti 37 den ersten Platz, bei den Sportwagen über 1500 cm3 gewann Rudolf Fischer auf Alfa Romeo 8C 2300 und bei den Sportwagen bis 1500 cm3 Karl Becker auf MG K3 Magnette. 70 Runden à 7,28 km = 509,6 km

Bild: Collection A. Cimarosti

Preis von Bremgarten / Bern 1935

Der spätere Sieger Max Christen auf seinem Maserati 26B mit Zweilitermotor

Die Sieger des "Grossen Preis der Schweiz" 1935

70 Runden à 7,28 km = 509,6 km

1. Rudolf Caracciola (D), Mercedes-Benz W 25B, 3 h 31’12,2“ = 144,772 km/h
2. Luigi Fagioli (I), Mercedes-Benz W25B, 3 h 31’48,1”
3. Bernd Rosemeyer (D), Auto Union Typ B, 3 h 32’20,0”
4. Achille Varzi (I), Auto Union Typ B, 69 Runden
5. Tazio Nuvolari (I), Alfa Romeo Tipo B, 68 Runden; etc.

 

Die Sieger des “Preis von Bern” 1935

20 Runden à 7,28 km = 145,6 km

1. Richard Seaman (GB), ERA B-Type, 1 h 05’21,0” = 133,664 km/h
2. “B. Bira” (Siam), ERA B-Type, 1 h 06’15,7”
3. Earl Howe (GB), Delage 15-S-8, 1 h 07’16,2”
4. Beppe Tufanelli (I), Maserati 4CM 1500, 1 h 07’31,8”
5. Pietro Ghersi (I), Maserati 4CS 1500, 1 h 07’35,0”, etc.

 

Der Grosse Preis der Schweiz für Motorräder 1935

Der Grosse Preis der Schweiz für Motorräder 1935 fand schon am 30. Juni statt und brachte wiederum gut besetzte Rennen. Mehr als 80 Fahrer aus zwölf Ländern, die zusammen auf 107 Maschinen antraten, figurierten auf der Teilnehmerliste dieses 12. Schweizer Motorrad-Grand-Prix (bekanntlich hatten die vorhergehenden Auflagen rund um den Lac de Joux oder bei Meyrin stattgefunden), der zum fünften Mal auf der Bremgarten-Rundstrecke lief. Mit zwanzig Fahrern war die Schweiz ziemlich gut vertreten. Auch Werksmannschaften hatten sich angemeldet, nämlich Husqvarna, Norton, FN und DKW. Im letzten Moment meldete sich Moto Guzzi aus Mandello der Lario bei Como wieder ab, nachdem Guzzi kurz zuvor sogar einen Sieg bei der Tourist Trophy auf der Insel Man davongetragen hatte. Mit der Absenz von Moto Guzzi kam auch der Ire Stanley Woods nicht nach Bern, der damals als der erfolgreichste Motorradrennfahrer Europas galt. An den Trainingstagen war relativ wenig Betrieb, eigenartigerweise machten auch die Fahrer von dieser Trainingsmöglichkeit nur wenig Gebrauch. Am Sonntag säumten 25000 Zuschauer die Bremgarten-Rundstrecke, morgens um 08 Uhr ging es los. Die Konkurrenten der 250- und der 350-cm3-Klasse starteten im gleichen Feld: Zuerst die 350er (45 Runden = 327,6 km, 20 Konkurrenten), eine Minute danach die 250er (40 Runden = 291,2 km, 20 Starter). Hier wurde vor allem die kurzfristige Absage von Moto Guzzi sehr bedauert. Bekannteste Teilnehmer waren hier Tyrell Smith auf Rudge und Winkler auf DKW. Die unter der Leitung des Zweitakt-Spezialisten Ingenieur Prüssing entstandenen DKW legten auch ein begeisterndes Tempo vor und Winkler führte dann fast während der ganzen Distanz. Der Deutsche gewann auch klar vor dem Iren Tyrell Smith auf Rudge und dem Schweizer R. Bianchi auf Miller.

Bild: Collection A. Cimarosti

Grosser Preis der Schweiz / Bern 1935

Die Motorräder der 250-cm3-Klasse nehmen die Reise auf


Bei den 350ern stellte sich die erwartete Dominanz der Norton ein. Das eher langweilige Rennen gewann der irische Schneidermeister W. Rusk auf Norton vor den Markenkollegen Guthrie und Steiner, Platz vier belegte der Engländer Mellors auf NSU. Bei den Seitenwagen bis 600 cm3 dominierte wie erwartet der Basler Hans Stärkle, der nach 23 Runden oder 167,9 km die Ziellinie siegreich vor dem Belgier „Edison“ auf FN und dem Schweizer Henri Meuwly auf Motosacoche kreuzte. Bei den 1000ern, die ebenfalls 23 Ruden zurücklegen mussten, siegte Ernst Stärkle auf BMW vor den beiden Harley-Fahrern Paul Weyres und Kurt Stoll. Platz vier belegte der Schweizer Roland Benz auf Standard. Den Höhepunkt stellte das Rennen der 500er-Maschinen dar, das ebenfalls über die enorme Distanz von 45 Runden oder 328,5 km führte. Diese Strecke hatten die favorisierten-Fahrer James Guthrie und der Ire W. Rusk bereitrs am 350er Rennen zurückgelegt, was total 660 km an einem einzigen Tag bedeutete, aber das hinderte sie nicht, erneut in den Kampf zu steigen. Und James Guthrie siegte auch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 134,6 km/h. Zweiter wurde Rusk, gefolgt vom Schweden Sunnqvist auf Husqvarna und Milhoux auf FN.

Die Resultate der Motorradrennen
um den „Grossen Preis der Schweiz“ 1935


250 cm3: 40 Runden = 291,2 km

1. Walfried Winkler (D), DKW, 2 h 24’36“ = 121,2 km/h
2. H.G. Tyrell Smith (IRL), Rudge, 2 h 28’29,8“
3. Radames Bianchi (CH), Miller, 2 h 37’10,2”, etc.


350 cm3: 45 Runden = 327,6 km

1. Rusk (IRL), Norton, 2 h 35’34,4“ = 126,6 km/h
2. James Guthrie (GB), Norton, 2 h 35’35,6”
3. E.A. Mellors (GB), NSU; etc.


500 cm3: 45 Runden = 328,5 km

1. James Guthrie (GB), Norton, 2 h 26’24,6” = 134,62 km/h
2. Rusk (IRL), Norton, 2 h 26’28,2”
3. Ragnar Sunnqvist (S), Husqvarna, 2 h 27’08,4”


Seitenwagen bis 600 cm3: 23 Runden = 167,9 km

1. Hans Stärkle (CH), NSU, 1 h 32’16,4” =
2. Edison (B), F.N., 1 h 33’17,0“
3. Henri Meuwly (CH), Motosacoche, etc.


Seitenwagen bis 1000 cm3: 23 Runden = 167,9 km

1. Ernst Stärkle (CH), BMW, 1 h 38’54,4”
2. Paul Weyres (D), Harley-Davidson, 1 h 42’37,2“
3. Kurt Stoll (D), Harley-Davidson, etc.